Wikkegaards Hühner

Nein, dies ist kein Missverständnis, obwohl das im Gemisch von deutscher und dänischer Sprache leicht passieren kann. Hund wird auf dänisch auch hund geschrieben aber huhn ausgesprochen. Therapiehund oder Therapiehuhn ist dann die Frage?

Hier handelt es sich aber diesmal wirklich um Hühner, denn auf Wikkegaard lebt jetzt eine kleine Schar.

Für mich erfüllte sich damit ein lang gehegter Wunsch, der anfangs mehr wegen der guten Eier von glücklichen Hühnern entstand. Nachdem ich mich aber im Rahmen meiner tiergestützten  Arbeit  einmal mit Hühnern beschäftigt hatte, faszinierten mich auch die Tiere selbst, besonders ihr ausgeprägtes Sozial- und Kommunikationsverhalten mit 30 verschiedenen Lauten. Die Glucke „unterhält“ sich schon mit ihren Küken, bevor sie geschlüpft sind!

Jetzt war es also soweit!

Mit nachbarschaftlicher Hilfe und dem unermüdlichen  Einsatz unserer Praktikantin Rabea bauten wir ein schönes Gehege und Hühnerhaus.

Dorma nahm regen Anteil an allen Bau-und Einrichtungsaktivitäten. Sie wäre wohl am liebsten selbst eingezogen. Besonders gut gefiel ihr der Sandbadeplatz unter dem Hühnerhaus.

                                 Da hatte sie wohl etwas falsch verstanden!

Die richtigen Bewohner zogen wenig später ein. Den Hahn holten wir am Abend ab. Das ist eine gute Reisezeit für Hühner, weil sie dann schläfrig sind und weniger aufgeregt.

IMG_7270Nach Martha, Martin, Tino und Antonio (weil Sizilianer) heißt er jetzt Don Camillo. Margarete meinte, Antonio sei ein viel zu nichtssagender Name für so einen schönen, starken, seine Hennen großartig beschützenden und versorgenden Hahn!

Camillo ist uns sozusagen vorauseilend zugeflogen. Er war als Hühnerküken gekauft worden und als Hahn einer zu viel am Ort. Die Frage „Kochtopf oder Wikkegaard?“ war schnell beantwortet, und so wartete er schon eine Weile auf den Umzug.

Ich selbst fühlte mich eigentlich immer mehr zu Hennen als zu Hähnen hingezogen. Als ich aber  Camillo  im Karton vom Auto zum Gehege trug, bekam ich ein ganz weiches, beinahe zärtliches Gefühl für dieses kleine Wesen, das mir so völlig ausgeliefert war.

Mit den Hennen war es am nächsten Tag ähnlich, doch die saßen zu dritt aneinandergekuschelt und schienen weniger  Angst zu haben.

Sie zu finden, war allerdings nicht so ganz einfach. Für den schweren Camillo brauchten wir auf jeden Fall kräftige Hennen, am liebsten drei verschiedene.

Ich wollte ein Amrock-Huhn, nicht zuletzt, weil man bei den Küken schon früh sicher unterscheiden kann, ob Hähnchen oder Hühnchen. Isa hätte gerne ein Gelbes gehabt und Margarete ein „normales“ Braunes.

Nachdem sich mehrere Adressen als falsch erwiesen hatten, hörten wir von 2 nicht zu weit entfernten Zuchtbetrieben auf Mors. Der eine sollte nur weiße, der andere nur braune Hühner haben. Mitttlerweile waren wir bereit, uns auch mit diesen Hühnern anzufreunden,  schon um den einsamen Camillo nicht so lange warten zu lassen.

Die erste Stelle erwies sich dann als eine vertrauenswürdig wirkende Anlage mit einem freundlichen Züchter und netten schwarz-bunten Hennen. Als er hörte, dass wir die Hühner nicht nur wegen der Eier haben und auch nicht essen wollen, zeigte er uns seine „Schatzkiste“ mit ca. 15 Junghennen.  Auf dem höchsten Punkt P1010520im Stall saß ein einziges schwarz- weißes Huhn mit gelben Beinen, das zumindest ein Amrock unter seinen Vorfahren gehabt haben muss, wenn es nicht sogar eines ist: meine Ella!

 

IMG_7221 (2)Für Isa nahmen wir das einzige weiße Huhn mit etwas schwarzem Gefieder an Hals und Schwanz: Lotta.  Es sieht einem Sussex-Huhn sehr ähnlich. Margarete suchte sich ein braun-buntes Huhn, vermutlich eine Italienerin, passend zum Hahn aus: Alma.

Das ist nun unsere entzückende Hühnerschar:

Camillo machte kurz und deutlich klar, wer das Sagen hat, und dann begann ein harmonisches Zusammenleben. Für uns immer wieder schön zu beobachten ist das vielfältige und differenzierte Kommunikations- und Fürsorgeverhalten. Alles Neue wird zuerst vom Hahn begutachtet und getestet. Dann ruft er die Hennen mit einem bestimmten Laut herbei und sie dürfen unter seinen wachsamen Augen essen.P1010531 (Medium)

Er hat stets die Umgebung im Auge und stoppt auch Dorma mit Flügelschlag und imposantem  Aufrichten, wenn sie sich seiner Meinung nach zu schnell bewegt. In der richtigen „Vitalitätsform“ scheint sie ein gern gesehener Gast am Gehege zu sein. Die Hühner betrachten sie interessiert und zeigen keine Irritation. Dorma selbst liebt es, in der Nähe ihrer neuen gefiederten Freunde zu liegen – eine gute Voraussetzung für ein friedliches Miteinander, wenn die Hühner demnächst das Gehege verlassen und das weitläufige Gelände Wikkegaards erkunden dürfen.

IMG_7320Besonders  Alma kann es kaum noch erwarten.

 

 

 

Wikkegaards andere Hunde waren anfangs etwas ungehalten über den ungebetenen und unbekannten Zuzug in ihrem Revier. Sie haben aber schnell verstanden, dass alles in Ordnung ist und die Hühner jetzt auch zu uns gehören. Das übliche Treiben im Gehege ist alltäglich geworden und wenn Camillo morgens um halb vier anfängt zu krähen, stört das keinen Hund mehr. Ungewöhnliche, aufgeregte oder gar warnende Laute aus dem Hühnerstall werden aber weiterhin durch mehrstimmiges Gebell kommentiert.

Der Fuchs wird es nicht leicht haben bei uns!

P1010546 (2)Am 4. Tag legte Lotta unter Camillos Aufsicht das erste Ei. Als ich es noch warm aus dem Nest nahm, war mir, als hätte ich etwas ganz Kostbares in der Hand – und da ich nun mal eine „Tiergestützte Pädagogin“ bin, kam auch gleich der Wunsch, diesen Wert an Kinder weiter zu vermitteln.

Wenn wir hier im ländlichen Dänemark erzählen, dass wir unsere Hühner nicht essen sondern sie vielleicht sogar  trainieren wollen, ernten wir meist ein nachsichtiges Lächeln. Ja, wir werden es  versuchen. Ein bisschen Clickertraining zum Beispiel – sie sollen ja sehr gelehrig sein. Wichtiger ist mir aber, das Vertrauen der Hühner soweit zu gewinnen, dass sie sich gerne anfassen, sich auf den Arm nehmen und ein wenig schaukeln lassen. Ich bin auch bereit, ihnen dafür ganz viel vorzusingen!

Ihr Kommunikationsverhalten möchte ich noch besser kennenlernen und auch die artübergreifenden Verständigungsmöglichkeiten ausprobieren – und mich ganz einfach an ihrer wunderbaren Andersartigkeit erfreuen!

Vielleicht werden wir später ein paar Kinder einladen auf unseren „Mini-Begegnungshof“, um ihnen die Gelegenheit zu solchen Erfahrungen anzubieten.

P1010610 (3)Mit Hühnern, Hunden, viel Natur und den Tieren, die darin frei leben.