Gedanken zur Biophilie

Kurz nach Mitternacht beginnt draußen das Feuerwerk und begrüßt das Jahr 2015. Der leise melodische Klang unserer Sektgläser beim Anstoßen gibt einen Kontrast zu dem immer mehr zunehmenden Lärm. Wir prosten einander viele gute Wünsche zu.

FeuerwerkEsko, Isabelles Labradorrüde, läuft mit uns nach draußen in den Hof. Die Raketen erleuchten den Himmel. Sie werden aufgrund der Hanglage des Grundstücks unten im Dorf gezündet, so dass wir keine überraschenden Landungen bei uns erwarten müssen. Dennoch bewundern wir Eskos Mut, der wohl ein Resultat seiner uns gut bekannten ausgeprägten Neugierde ist.

Der Hund bleibt in der Mitte des Hofes stehen, schaut zum Himmel, dreht sich zu uns um und läuft zurück in die Haustür. Von dort aus schaut er suchend nach Isabelle. Wieder bei ihr, stupst er sie mit der Schnauze an und läuft erneut dem Haus zu. Isabelles Hand, die den Hund offenbar streicheln wollte, greift ins Leere.

Eine besonders helle und bunte Rakete fordert unsere Aufmerksamkeit. Der Hund kommt zurück. Er umkreist Isabelle und deutet in Intervallen einen kurzen Lauf zum Haus an. „Du hast offenbar genug,“ lacht Isabelle und geht mit ihrem Hund ins Haus.
Später – draußen ist es ruhiger geworden – sitzen wir zusammen und sprechen über Eskos Bereitschaft, sich Licht und Lärm für eine kleine Weile freiwillig auszusetzen. Mit Isabelles Interpretation, Esko habe dann doch bald „genug“ gehabt, stimmen wir überein. Neugierde kann eben auch in langsam entstehende Stresssituation führen. Diesmal kam Eskos enge Verbindung mit Isabelle dazu, die offenbar keine Trennung seiner Belastungsgefühle zwischen ihm und ihr zuließ und letztlich ein Drängen, es sei auch für Isabelle besser ins sichere Haus zu gehen, forderte. Isabelles Verständnis für seine Situation war spontan und intuitiv und Ausdruck einer gesichert entstandenen Beziehungsebene.

20131115-152545-Isla_Mujeres-Die Geschichte dieser Beziehungsebene ist die Geschichte einer „gemischten sozialen Gruppe“, gemischt durch Gruppenmitglieder zweier unterschiedlicher Arten, sozial durch beidseitige Bedürfnisse nach Verbindung und Gesellschaft, meint Feddersen-Petersen in ihrem Buch Ausdrucksverhalten beim Hund (2008, S.26). Sie sieht den Grund für diese Möglichkeit in der „Jahrtausende währende(n) Entwicklungs- und soziale(n) Beziehungsgeschichte“ zwischen Mensch und Hund (ebd.).

Kotrschal behauptet in seinem 2014 erschienenen Buch Einfach beste Freunde sogar: „Menschen sind ohne andere Tiere weder erklärbar noch lebensfähig.“ (Kotrschal, 2014, S. 9).

Ist es so?

20140412-151148-Panama-Die Geschichte zwischen Mensch und Hund ist die Geschichte der Evolution, und diese bedeutet für den Menschen eine Geschichte in enger Verbindung und Abhängigkeit von der Natur. Ohne Frage haben die Menschen innerhalb ihrer Evolution Fähigkeiten, Merkmale, Wesenszüge entwickelt, die heute, tief eingewurzelt in ihrem Sein, Mechanismen des grundsätzlichen Überlebens meinen und in diesem Sinne auch heute noch Spuren dieser gemeinsamen Evolutionsgeschichte zeichnen. Dazu gehören gewisse Aspekte eines Wohlbefindens in bestimmten Situationen, wie z.B. das genussvolle Einatmen der Meeres- oder Waldluft, aber auch solche spezieller Abneigung und Unverträglichkeit, wie bei manchen Menschen das Erschrecken vor einer Spinne.

Edward O. Wilson findet in seinem Buch Biophilia – The human bond with other species (1986) zu dem Begriff Biophilie und einer Definition dieses menschlichen Empfindens und Erlebens. Er bezieht sich auf Erich Fromm, der bereits in den 1930er Jahren den Begriff Biophilie für die Liebe zu dem Lebendigen einführte (damals als Gegensatz zu dem Begriff der Nekrophilie, vgl. Landis 1978, S. 89).

Er verwendet Biophilie für das genetisch vorhandene Bedürfnis des Menschen zum Kontakt mit der Natur und ihrer Geschöpfe (vgl. Kahn, 1997, S.1). Er spricht von einer Affinität zu Lebewesen unterschiedlicher Arten und einer Umwelt, die Leben ermöglicht (vgl. Wilson, 2003, S. 106) und betont das Bedürfnis nach physischer, psychischer und kognitiver Hinwendung zur Natur (vgl. bei Olrich, 2003, S.70).

20120611-003046-Wie weit hat eine solche Annahme heute noch eine Tragfähigkeit für die Existenz des Menschen, wie Kotrschal es sagt? Braucht der Mensch die Natur, braucht er das Tier, den Hund, um zu überleben?
Eine zufriedenstellende wissenschaftliche Belegung dieser Biophiliethese als Begründung einer positiven Antwort auf die obige Frage ist sicher schwer zu erbringen. Befragungen der Menschen nach ihrem Verhältnis zur Natur bringen Antworten, die nicht frei sein können von Beurteilungen eigener subjektiver Wahrnehmung ihrer Person in einer ebenso subjektiv wahrgenommenen Umwelt.
In den ersten auf dem Markt erschienenen Büchern über Wert, Sinn und Zweck tiergestützter Arbeit gibt es vielfach positiv orientierte Berichte. Sie nennen Untersuchungen der Auswirkungen von Natur- und Tierkontakten auf das physische und psychische Wohlbefinden von Menschen, meist nach vorherigem gesundheitlichem Unwohlsein ohne Natur und Tier. Sie sollen hier nicht aufgeführt und wiederholt werden. Sie bringen Ergebnisse von noch lange nicht umfassend ergründeten und darum i.e.S. „undefinierbaren“ Wirkfaktoren von Natur und Tier auf den Menschen, und sie spezialisieren eine Beobachtungssituation, die nicht fraglos als definitiv erkannt werden kann. Zu viele Momente, die sich auf unspezifische Umwelteinflüsse und persönliche Stimmungslage der beobachteten Personen und der Beobachter selbst beziehen, könnten hier einspielen. Sind sie deshalb wertlos oder sprechen gar gegen Notwendigkeiten zu Kontakten mit der Natur? Ich denke: nein. Sie sind und bleiben kostbare Erfahrungswerte, vielleicht sogar mit dem Ansatz zu einer irgendwann möglichen wissenschaftlichen Belegung.

Es mag sein, dass das heutige Verständnis wissenschaftlicher Forschung einen Weg anzeigt, der auch noch in weiter Zukunft von Bedeutung ist und Sinn macht. Tatsache ist allerdings, dass wissenschaftliches Vorgehen in manchen Fragestellungen immer wieder an Grenzen stößt. Ganze Gebiete der Geisteswissenschaften fanden und finden so ihren Weg in die Unwissenschaftlichkeit. Diskussionen darum sind lebendig.

Wissenschaftlichkeit fordert weiterführende nachweisbare und überzeugende Ergebnisse. Nicht selten findet dieses Drängen nach dem Resultat das Ausblenden unbrauchbarer, aber maßgeblicher Fakten. Ich denke hier besonders an die „wissenschaftliche“ Methode des Testens: das gesuchte Ergebnis ist bekannt und die Situation wird so geformt, dass das Ergebnis entweder erscheinen oder nicht erscheinen kann. Augenblickliche Momente, die die Testsituation, die Tester, die Probanden und das Umfeld liefern, bleiben zugunsten des Testswerts unbeachtet. Dennoch gilt das Ergebnis als wissenschaftlicher Beleg oder auch „Nicht-Beleg“ einer aufgestellten Hypothese.

Vielleicht stehen wir Menschen in unserem Drang Erklärungen durch wissenschaftliches Vorgehen zu finden vor der Entscheidung, Letzteres zu hinterfragen und dann auch fortschreitend zu korrigieren oder sich damit abzufinden, dass es Bereiche gibt, die zum Verstehen und Einordnen anderer Methoden bedürfen, als die der Belegung im heutigen wissenschaftlichen Sinne.

20130510-161516Fort-Myers-Florida-Biophilie wäre so ein Bereich, der zahlreiche Momente menschlichen Erlebens, menschlicher Fähigkeiten und Gegebenheiten umfasst und schon deshalb kaum mit einer einzigen Methode bestätigt oder abgelehnt werden kann. Richtig an Kotrschals These erscheint mir, dass der Mensch ohne die evolutionäre Vergangenheit im Verbund mit Natur und Tier wahrscheinlich nicht existieren würde: Es würde ihn nicht geben. Dass er jetzt existiert, ist allerdings augenscheinlich. Interessant wird da die Frage: Ob und unter welchen Bedingungen, Vorteilen und Einbußen er sein Leben mit dieser Vorgabe gestalten kann und wird. Gibt es so etwas wie eine Erfüllung evolutionären Daseins?
Ein Ansatz zur Beantwortung solcher Fragen wäre das Anerkennen, dass Menschsein nicht des Menschen Verdienst ist, sondern ein Ergebnis einer sehr sehr langen Evolution. Sie hat ihn an einen Punkt gebracht, an dem er in der Lage ist, sein Dasein zu reflektieren, sogar zu phantasieren und Entscheidungen zu treffen. So kann er seine Bindung an die Natur annehmen oder verleugnen, ihr anderes überordnen, es ergänzen oder ersetzen, aber entfliehen kann er ihr letztlich nicht. Ob ihn eine Landschaft berührt, gelangweilt lässt, ein Tier entzückt oder anekelt, ja selbst dann, wenn ihm alles gleichgültig erscheint, wird ihn der nächste Regenguss an seine Abhängigkeit erinnern und Reaktionen in ihm auslösen, die schon seine frühesten tierischen Vorfahren kannten. Der Mann, der vor einiger Zeit meinen Hund ärgerlich von sich stieß, weil er sein Hosenbein beschnupperte und erklärend zu mir sagte: „Ich kann für Hunde nichts empfinden, sie sind mir völlig gleichgültig“, war sich nicht bewusst, dass er in dem Moment des Stoßes sehr viel für meinen Hund empfand und dieser ihm alles andere als gleichgültig war.

20140412-151148-Panama-Biophilie im oben genannten Sinne bedarf keiner Belegung und keiner Beweise. Sie ist ein Ergebnis der Evolution, die der Mensch in sich trägt. Er kann entscheiden, ob er sie „ertragen“ oder „leben“ möchte, ob er die Anteile ihrer Existenz mit sich vereint und lieben mag: Biophilie ist im Denken des Menschen ohne Frage eine Hypothese, in seinem Sein ist sie eine Tatsache, denn „Menschen sind ohne andere Tiere weder erklärbar noch lebensfähig.“ (Kotrschal, 2014, Einfach beste Freunde, S. 9).