Der Unsinn von quietschendem Spielzeug

Lulu hat eins, Theo auch, Felix nicht, und die süße kleine Molly hat gleich drei, sogar in pink.

Bei Lulu ist es in einem Karton versteckt. Sie findet es unter den begeisterten Blicken und Rufen ihrer menschlichen Mitbewohner. Es ist dekoriert mit zahlreichen köstlichen und selbstgebackenen Leckerchen und steht auf ihrem Gabentisch zum Geburtstag: „Ja, schau, sie hat sofort ihr Päckchen gefunden. Wie klug sie doch ist!“

Ja, Lulu ist ein kluger Hund. Die Düfte der Köstlichkeiten wecken sofort ihre Aufmerksamkeit. Ratzfatz sind sie in ihrem Hundemagen verschwunden. Und weil diese Duftwolken auch aus diesem Paket Mund– und Nasenschleimhaut erreichen, geht die Suche gleich weiter.

Na ja, das zielgerichtete Riechen ist wohl mehr eine Leistung ihrer ererbten Sinnesorgane, aber schlau ist es, wie gut sie erlernte, solchen Düften geschickt und gründlich auf die Spur zu kommen.
Ihre menschlichen Zuschauer begleiten sie mit Entzückensrufen, als sich der Karton unter der Bearbeitung ihrer Zähne und Pfoten immer mehr öffnet. Das beim Einpacken verwendete Geschenkpapier fliegt in alle Richtungen. Dann ist es greifbar, Lulus Geschenk: ein orangefarbener Gummi-Igel.

20090904-094330-unbenannte_Fotosession-Lulu ergreift ihn mit dem Maul, und im gleichen Augenblick erfüllt ein schrilles Quietschen den Raum. In kürzester Zeit wird es übertönt vom herzhaften Lachen aller darumstehenden Menschen. Welch ein Erfolg! „Siehst du, ich habe es doch gesagt, Lulu hat immer wieder ihren Spaß daran!“

In der Tat kennt Lulu solche Gebilde bereits aus den gesamten zwei Jahren ihres jungen Lebens. Beim ersten Mal hat sie dieses Gummiwesen sofort wieder losgelassen, aber heute versetzt es sie geradezu in Ekstase. Sie rast mit dem Tier im Maul um den großen Esstisch, wirft es vor sich her, in die Luft, fängt es geschickt wieder auf und presst ihre Zähne in den Leib des Gummitieres. Immer und immer wieder. Das Quietschen scheint sie anzufeuern. Die Geber dieser „Freude“ werden reich belohnt und bekunden dies mit Lobesrufen und Begeisterungsäußerungen.

Wie diese Gabe bei Theo und der süßen kleinen Molly ankam und ablief, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob Felix ein solches Geschenk vermisst hat. Ich weiß nur, dass keines solcher Quietschwesen oder -bälle sich in meinem Haus befindet und keiner meiner vielen Hunde jemals so ein Spielzeug erhielt. Und wenn es von Bekannten ins Haus gebracht wurde, landete es, wenn mir eine erklärende Rückgabe nicht möglich war – nicht böse sein! – im Müll. Und das hat einen Grund:

Als ich mit der Hundezucht und damit auch mit der Welpenaufzucht begann, fiel mir sehr bald ein frühes offenbar genetisch weitergegebenes Verhalten der Welpen in ihren ersten Lebenswochen auf. Gern sammelten sie sich zu einem Schlafpulk zusammen, lagen über und untereinander und wühlten sich bei nicht so günstiger Lage jeweils in ihre für sie angenehme Position. In der Regel war das ein eher stummes Verhalten, manchmal unterbrochen von wohligen Grunztönen, aber hin und wieder auch von einem plötzlich Aufquietschen einer der Welpen.

Der Zusammenhang zwischen dem Quieken und der Situation wurde mir bald offenbar. Das Quieken entstand bei eine höchst unglücklichen Lage eines Welpen und hatte jedesmal eine totale Lageveränderung des gesamten Pulkes zur Folge. Ich vermutete in diesem Quieken eine Art Notsignal, bei dessen Ertönen jeder der einzelnen Welpen sofort und augenblicklich reagierte.

20090904-095636-unbenannte_Fotosession-Meine Vermutung bestätigte sich, als die Welpen dann nach ca 3 Wochen miteinander sehr lebhaft zu toben und zu balgen begannen. Ungeschicklichkeiten, Übermut, vielleicht auch Gefühle, die hier nicht so allgemein zu definieren sind, brachten Situationen hervor, in denen der eine Welpe den anderen zu fest anpackte, zu sehr am Fell zottelte oder gar auch mal seine kleinen ersten Zähnchen an ihm ausprobierte. Der „Leidende“ reagierte dann mit einem kräftig lautem schrillen Quietschton, worauf der Drangsalierende sofort von seinem Opfer abließ.

Die dann bald 6 Wochen alten Welpen hatten aus diesem Miteinander offenbar gelernt: Die Spiele waren jetzt deutlich ruppiger. Ich beobachtete, dass Welpen oft ihr „Notsignal“ bereits vor einem erwarteten Angriff ausstießen, so dass so mancher Angreifer von seinem Vorhaben abließ. Eine recht erfolgreiche Strategie!

Eine weitere Beobachtung war, dass Quietschlaute nicht immer sofort mit dem Ablassen des anderen beantwortet wurden. Es gab einige Draufgänger im Wurf, die es offenbar „wissen wollten“. Hielten sie fest an ihrem Vorhaben, so begann der angegriffene Welpe sich zu befreien und zog sich aus dem gemeinsamen Spiel mit diesem Banausen zurück. Nicht- beachten des Notsignals bedeutete unweigerlich Abbruch aller Gemeinsamkeiten im Augenblick.

Die Wirkung war erstaunlich groß. Ich kann sagen, dass ich in allen Aufzuchten ein relativ sehr lebhaftes, aber nie ein bedrohlich erscheinendes Miteinander erlebte. Dies trat erst auf, als bei größeren Hunden Rivalitäten um die „Liebste“ begannen. Aber selbst im fortgeschrittenen Alter half noch immer ein „welpenschriller Notschrei“ unzählige Male aus der prekären Situation.

Das Notsignal hat seine Wirkung, dies ohne menschliches Zutun, selbstregulierend und sicher.

Ich denke, ich brauche jetzt nicht mehr viel zu quietschendem Spielzeug zu sagen. Die Desensibilisierung der Hunde auf ein Notsignal, dass offenbar erste Sozialisierungsprozesse einleitet und sinnvoll zu einem Ziel bringt, ist ein massives Eingreifen in artgerechte Hundehaltung. Hunde, die verlernen, auf dieses elementare Notsignal zu reagieren, werden auch im Spiel mit Artgenossen, deren Botschaften zum Stoppen nicht verstehen und möglicherweise zu Verbeißungen finden. Aber auch andere Tiere, ja selbst Menschen, besonders Kinder, sind gefährdet und bringen durch Quietschen und schrilles Schreien den Hund nicht mehr zum Ablassen. Überdies „zündet“ es den Jagdtrieb, denn je lauter und schriller ein angegriffenes Tier schreit, um so erfolgreicher ist die Jagd des Hundes. (Der Umkehrschluss, Jagdhunde mit Quietschspielzeug zu motivieren, liegt vielleicht nahe, hätte aber schlimme Folgen: Es ist nicht mehr der Jäger, der lenkt und leitet, sondern der blanke Trieb des Hundes, der mit ihm durchgeht.)

Die Industrie hat mit diesem Spielzeug einen absoluten Blödsinn geschaffen, der unwissende (nicht generell dumme!) Menschen begeistert, denn diese sind es, an dem die Hersteller verdienen!

Geschenke für den Hund – es muss ja nicht immer Weihnachten und Geburtstag sein – sind etwas Wunderschönes. Wir, als Hundehalter haben auch ein Recht darauf, uns an der Freude unserer Hunde selbst zu erfreuen. Wenn es unwissend auf Kosten des Hundes geht, können wir lernen und wenn unsere Freude kompatibel mit dem Nutzen für den Hund ist, ist sie auch für uns ein wahres Geschenk!

Ach ja, Felix bekam einen Futterball, aus dem er manchmal einen Teil seiner Mahlzeit „herausrollen“ kann. Das viele Schnüffeln entspannt ihn und produziert zugleich Glücksgefühle, beim Hund und beim Halter.