Gedanken einer Teilnehmerin zum Sommermodul 2015 auf Wikkegaard

Das Sommermodul stand für mich zunächst unter keinem guten Stern, hatte es sich doch herausgestellt, dass mein ursprünglicher Plan, meinen im Alter von 6 Jahren adoptierten Zwergpudel Mara jeden Tag zu meinem Arbeitsplatz (ein Kinderdiagnostik- und Therapiezentrum) mitzunehmen, wohl nicht aufgehen würde. Für den kleinen Pudel wäre das eine Überforderung, wie es sich nach dem 1. Modul in der Praxiszeit zeigte.
Ich war ratlos, hatte aber einen guten Tagesplatz bei einer befreundeten Familie und deren Labradorhündin in der Nachbarschaft gefunden. Glücklicherweise stellte sich schon vor Seminarbeginn heraus, dass diese Maßnahme eine große Entwicklungschance für meinen Hund darstellte. Zu meiner großen Freude zeigte Mara, der kleine Hund, dann auch bei der Begegnung mit den Hunden der anderen Teilnehmer, dass sie an Selbstbewusstsein zugenommen hatte. Auch ihr Verhaltensrepertoire hatte sich deutlich erweitert. Dies zeigte sich besonders beim Zusammenspiel mit Mitch, dem 4 Monate alten Australian Shepherd Welpen.

 

Das alles führte dazu, dass Mara und ich ein sehr schönes Sommerseminar in Dänemark verbrachten, das aus meiner Sicht ganz besonders von zwei Themen geprägt war: Nämlich das Thema Abstimmung und Abstimmungsprozesse unter Individuen, und das olfaktorische System der Hunde, ihre Riechwelt sozusagen.

Beide Themen wurden schon beim ersten Zusammentreffen in der 1. Übung wunderbar miteinander verbunden: Wir sollten zum ersten Treffen des Kurses, das am Strand von Vangså stattfand, etwas aus Stoff mitbringen, das unseren und den Geruch des Hundes an sich trug.
Das daraus entwickelte Spiel diente dem aufeinander Einstimmen. Wir standen im Kreis am Strand, jeder legte seine Geruchsprobe neben sich, und dann wurde von Probe zu Probe weitergewandert, bis jede, und jeder wieder an seiner eigenen Probe angekommen war.
Bei jeder Probe wurde gestoppt, der Hund schnüffelte, der Mensch fasste an, und weiter ging’s zur nächsten Probe.
So waren schließlich an allen Proben die Gerüche von allen zwei- und vierbeinigen Teilnehmern vereint! Was für ein schönes Mensch – Hund – Spiel! Ein Spiel, das sich auf die wichtigste Wahrnehmungsebene der Hunde einlässt und ihnen ermöglicht, sich auf ihre Weise auf die kommende Woche mit Menschen und Hunden einzustimmen.

Direkt einer der ersten Vorträge befasste sich mit dem Thema Abstimmung und Abstimmungsprozesse. Damit sind Prozesse gemeint, die zwischen sozialen Wesen stattfinden und die auf sehr basalem und weitestgehend unbewusst stattfindendem Verhalten aufbauen.
Dies gilt zum Beispiel insbesondere für das Zusammensein von Mutter und Kind von Geburt des Kindes an. Die Forschergruppe Boston Process of Change Study Group hat in ihren Forschungen festgestellt, dass winzige Kommunikationseinheiten den Grundstein der sozialen Beziehungsfähigkeit eines Menschen legen. Sie erforschten gegenseitige Abstimmungsprozesse von Mutter und Kind, wie z. B. eine stimmliche Begleitung der Mutter beim Spiel eines Kindes. Diese können nicht immer zu 100% harmonisch verlaufen. Es hat sich aber gezeigt, das dieses „Missmatching“ dem Kind sogar zur Weiterentwicklung verhilft und dazu beiträgt, dass das Kind sich als eigenes Lebewesen verstehen lernt.
Es gibt Forscher, die sagen, dass dieses Miteinander von einerseits lebens- und entwicklungsnotwendigen gelungenen Abstimmungen und andererseits dem Missmatching der Abstimmungen auch für therapeutische Beziehungen gilt und hier ähnlich entwicklungsfördernd wirken kann. Für die Entstehung von grundlegendem Vertrauen ist die harmonische Abstimmung erforderlich, und für die Weiterentwicklung das ab und zu unvermeidliche Misslingen dieser Abstimmung.
Das Gleiche scheint auch für Beziehungen zwischen Menschen und Hunden zu gelten. Gerd Ganser, der vortragende Dozent, geht nach zahlreichen, mittels Video festgehaltenen Kind – Hund – Kontakten davon aus, dass in jeder Begegnung zwischen Mensch und Hund diese ganz früh erworbenen sozialen Erfahrungen des Menschen zum Ausdruck kommen. Er zeigte beeindruckende Videobeispiele dazu.

Darüber hinaus lernten wir im Modul 2 unsere Hunde bewusster zu beobachten und so besser kennenzulernen. Zumindest ging es mir so mit Mara, die während der Beobachtungsaufgabe, zwar wie von mir erwartet, ganz nah bei mir lag und nichts unternahm, aber in Wahrheit doch das Geschehen um sich herum hellwach und aufmerksam verfolgte, während die anderen Hunde vermeintlich viel aktiver herumflitzten! Dementsprechend konnte ich doch sehr viel bei ihr beobachten, da ständig die Ohren spielten und die Augen spähten, sowie die Nase zuckte.
Auch übten wir bewusst unsere Körpersprache in der Kommunikation mit dem Hund einzusetzen, bzw. wir lernten welche enorme Wirkung die Körperhaltung und Körpersprache auf den Hund, und somit auch auf das Verständnis zwischen Mensch und Hund hat. Genau genommen wirken diese körpersprachlichen Elemente sich auch auf Menschen erheblich aus, nur das wir dies meistens nicht bewusst mitbekommen.

12Ganz besonders schön war für mich das Erlebnis der Einführung in das Man Trailing. Ein Zwergpudel als Spurensuchhund! Für mich eine ganz neue Idee. Mara gehört jedenfalls zu den Gewissenhaften und Gründlichen unter den Spurensuchern. Die sechs Charaktertypen der Suchhunde sind nicht rassetypisch, sondern gehen eher auf den Grundcharakter des jeweiligen Hundes zurück. Von den sechs Typen: Der Gewissenhafte, der Gelassene, der Kombinierer, der Ehrgeizige, der Stürmer und der Sensible, passt dieser Typ am besten zu ihr. Ein ganz gewissenhaft jeden Fleck der Spur untersuchender kleiner Hund in gespannter Körperhaltung und hoch erhobenem Schwanz, mit der Nase am Boden schnüffelnd. Sehr süß zu beobachten.
Das Man Trailing öffnete mir eine Tür zu einer Welt der Gerüche, die mir zwar theoretisch eigentlich bekannt war, die ich aber nie hatte richtig nachempfinden können.

Das Miteinander der Hundegruppe war auch in diesem Modul wieder sehr schön zu beobachten. Einzelne Charaktere übernahmen bestimmte Rollen. So war Kara die Hütehündin die „Polizistin“, die manchmal auch etwas zu oft für Ordnung sorgen wollte. Währenddessen fungierte die kleine Mara als ihre „Hilfspolizistin“. Weder in Ausprägung noch in der Wirkung so intensiv wie die große, beeindruckende Kara, aber die Charakterähnlichkeiten waren unübersehbar.
Es gab aber auch die verspielten und verschmusten golden Retriever und den stets in Bewegung befindlichen Sennhund. Etwas Besonderes in unserer Gruppe ist der sibirische Huskey Jason, der ganz entgegen meiner Vorurteile sehr eng an seine Besitzerin gebunden ist und neben all seinem Machoverhalten auch sehr viel Feinfühligkeit mitbringt.

Auch die Begegnung mit den Menschen in unserem Kurs ist für mich beglückend, da ich oft das Gefühl habe, einfach so sein zu können wie ich eben bin.

Das alles wird gefördert und begleitet von den Dozenten, denen man die Liebe zu den Tieren und den Menschen, und auch besonders die Begeisterung über die Verbindung von Beidem bei der Arbeit ständig anmerkt. Es macht mir Freude, dies bei den Dozenten zu beobachten. Hervorheben möchte ich noch die Bereitschaft der Dozenten, sich auf jeden einzelnen von uns mit den jeweils eigenen Sorgen, Nöten und Gedanken einzulassen.

So ist nun Wikkegaard selbst für mich ein Ort, der oft geglückten Abstimmungsprozesse geworden! Abstimmung bei Mensch-Mensch-, Mensch-Hund- und Hund-Hund Begegnungen. Ich nehme mit als Grundsatz: Jedes Lebewesen kann in der ihm eigenen Art zu einem geglückten und beglückenden Miteinander beitragen.

Für mich persönlich laufen in Wikkegaard viele Stränge meines bisherigen Lebens zusammen. Meine immer schon vorhandene Begeisterung für den Umgang mit Tieren und die Kommunikation über die Grenzen der verschiedenen Arten hinweg war bisher für mich nur im privaten Bereich lebbar. Im beruflichen Bereich habe ich versucht meine grundlegenden Werte von Achtsamkeit und Respekt jedem Lebewesen gegenüber in die Arbeit einfließen zu lassen. Meine Begeisterung für psychische Entwicklungsprozesse und Ausdrucksformen, besonders die analog gesteuerten und unbewusst gezeigten, hat mich zu meinem Beruf der Kinderpsychologin geführt.
Auf Wikkegaard nun finde ich eine enge Verbindung zwischen diesen privat und beruflich gelebten Feldern. Was hier gelehrt wird, passt zu meinem Leben so sehr, dass es mich immer noch verblüfft! Ich sehe hier einen Weg, auf den ich mich ohne es zu wissen über Jahre hinweg vorbereitet habe. Das ist fast ein Wunder für mich.

Wie ich all das nun konkret mit Mara und einem neuen noch zu findenden Hund in der Zukunft umsetzen werde, zeigt sich nur langsam, Schritt für Schritt. Vorläufig nehme ich Mara einmal in der Woche mit in unser Zentrum und führe eine Kindertherapie mit ihr zusammen durch. Dies entwickelt sich im Moment gut. Mit Hilfe von Supervision, wird sich diese Kind-Hund-Erwachsenen-Begegnung sicher noch weiter entwickeln. Es gibt noch ein weiteres Kind, welches gerne seine Angst vor Hunden mit der Hilfe von Mara verlieren möchte. Mara löst bei ihr nur sehr wenig Angst aus, da sie so klein ist. Was daraus wird, ist im Moment noch nicht einzuschätzen.

Das alles klingt beim erneuten Durchlesen des Textes für mich sehr euphorisch, aber so ist es nun einmal!

 

Ein neuer Ausbildungskurs beginnt am 28. März 2016.