DOGS INCLUSIVE

Eine ganz persönliche Geschichte von Frühförderung und Hunden

Mit Frühförderung sind hier pädagogische, heilpädagogische und sozialpädagogische  Maßnahmen für Kinder, die in ihrer Entwicklung beeinträchtigt sind, gemeint. Kinder von null bis sechs Jahren, die einen Förderbedarf haben, wie es im Amtsdeutsch heißt. Es handelt sich um eine ganzheitlich fördernde Entwicklungsbegleitung mit Unterstützung und Beratung der Eltern. Die Frühförderung ist mobil und findet in der Regel zu  Hause bei den Kindern statt.

Ich war fast 25 Jahre lang Frühförderin und konnte mich immer wieder für diese vielfältige interdisziplinäre Arbeit begeistern.

Die Idee zu einem Rückblick entstand, als meine Hündin Dorma und ich im letzten Winter ein interessantes Angebot der Frühförderung der Lebenshilfe Wolfenbüttel bekamen. Ein von der Aktion Mensch finanziertes Projekt, ein inklusiver Spielkreis für Kinder mit und ohne Förderbedarf, sollte geplant und durchgeführt werden.

Nachdem ich die Kinder kennengelernt und eine Nacht davon geträumt hatte, wie vier kleine, altersgemäß unvernünftige Kinder sich auf meine Dorma stürzten, war mir klar, dass ich Unterstützung brauchte, um hier eine gute tiergestützte Gruppenarbeit unter Berücksichtigung jedes Einzelnen zu leisten.

An dieser Stelle kam Uscha ins Spiel.

 

 

 

 

Uscha, Frühförderin in Wolfenbüttel, meine langjährige Kollegin und Freundin

Uscha, mit der ich blind zusammenarbeiten kann

Uscha, die meine Haltung gegenüber Menschen und Hunden sehr geprägt hat

Uscha, die schon zu den Anfangszeiten der Frühförderung achtsam und ressourcenorientiert mit den Familien arbeitete, als diese Vokabeln noch gar nicht im Fachjargon vorkamen und Eltern noch als Co-Therapeuten bezeichnet wurden

Uscha, die ihre Hunde bereits vor 38 Jahren als eigenständige Wesen betrachtete und respektierte

Uscha, die wenig von Trainingsmethoden hält und mit dem ihr eigenen Understatement gerne sagt “ Meine Hunde haben eigentlich immer von alleine gemacht, was ich von ihnen wollte.“

Understatement deshalb, weil hinter dieser gewagten Aussage natürlich ganz viel Beziehungs- und Abstimmungsarbeit, eine gute Bindung und eine Atmosphäre des gegenseitigen Verstehens und Akzeptierens steckt.

Vor 38 Jahren begann auch unsere gemeinsame Geschichte, in der von Anfang an Hunde vorkamen.

Es waren Assi und Anja, die beiden Chow-Chow Welpen von Uscha und ihrem späteren Mann Horst Hüther, dem jungen Geschäftsführer der Lebenshilfe Helmstedt-Wolfenbüttel, die als erste mitkommen durften. Sie waren anwesend, hatten aber nur sehr wenig Kontakt zu den Kindern und behinderten Mitarbeitern.

Das Foto oben zeigt sie 1980 auf dem Hof der noch sehr kleinen Wolfenbüttler Einrichtung.

Heute kommt es Uscha und mir vor, als hätten sie den Grundstein dafür gelegt, dass Hunde in der Lebenshilfe Helmstedt-Wolfenbüttel auch Jahrzehnte später willkommen sind.

Erst später wurde mir klar, von welcher Bedeutung eine solche Affinität für die Tiergestützte Arbeit ist.

Viele in Institutionen arbeitende Kolleginnen und Kollegen bestätigten meine Erfahrung, dass die Tatsache, ob auf der Leitungsebene „Hundemenschen“ sitzen oder nicht, mindestens ebenso maßgeblich für die  Möglichkeiten und Bedingungen unserer Arbeit ist wie wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse. Argumente können überzeugen, der Hundeliebhaber im Chef aber sorgt dafür, dass sie überhaupt Gehör finden. Er beeinflusst das Arbeitsklima und den Stellenwert der tiergestützten Arbeit in der Einrichtung.

Ich kam 1980 während meines Studiums zur Lebenshilfe  auf der Suche nach einem Praktikumsplatz in der Frühförderung. Das war gar nicht so einfach, denn dieser junge Arbeitsbereich stand in unserer Region in den Kinderschuhen und die meisten Mitarbeiterinnen trauten sich eine Praktikantin noch nicht zu.

Auch Uscha hatte ein Jahr zuvor mit dem Aufbau der Frühförderstelle Helmstedt begonnen, aber sie war trotzdem bereit, mich zu nehmen, nicht zuletzt, weil die Chemie zwischen uns von Anfang an stimmte.

Von tiergestützter Pädagogik wussten wir damals noch nichts, aber der Gedanke, dass sich ein lebendiges Wesen wie der Hund förderlich auf die kindliche Entwicklung auswirken müsse, war uns nicht fremd.

Vorerst mussten sich unsere Frühförderkinder noch mit tierischen Handpuppen begnügen.

 

 

Für Uscha und mich folgten viele gemeinsame Jahre, in denen sich die Bedingungen der Frühförderarbeit mal mehr und mal weniger gut entwickelten. Wir erlebten Höhen und Tiefen und  so einige pädagogische und therapeutische Trends und Strömungen.

Wir machten Pausen wegen unserer eigenen Kinder und arbeiteten in unterschiedlichen Konstellationen immer wieder zusammen. Die meiste Zeit war sie in der Frühförderstelle Wolfenbüttel und ich in Helmstedt beschäftigt.                                                                     

Das Band unserer Freundschaft hat gut gehalten!

Uscha hatte nie die Idee, mit einem ihrer Hunde zu arbeiten. – Das war bei mir anders:

Als ich 1995 meine Hündin Penny bekam, gingen meine Gedanken doch recht bald in diese Richtung.

Penny entwickelte sich zu einer in sich ruhenden, eigenständigen Persönlichkeit und begleitete mich fast 15 Jahre lang auf meinen Fahrten durch den großen Landkreis Helmstedt. Oft wartete sie während meiner Hausbesuche im Auto und erfreute die Kinder manchmal auf einem anschließenden gemeinsamen Spaziergang, wenn es zu den Wünschen und Plänen der Beteiligten passte. Hier erwies sie sich nicht nur einmal als große Hilfe bei der Überwindung von Trennungsängsten.

In einigen „schweren Fällen“ bezog ich sie auch direkt in die Förderung der Kinder ein, und wir konnten dort Entwicklungsschritte bewirken, wo ich alleine lange Zeit nicht vorangekommen war.

Da gab es zum Beispiel Felix, ein ehemaliges extremes Frühchen, das sich wider Erwarten ins Leben gekämpft hatte. Mit mittlerweile 3 Jahren kämpfte er immer noch, jetzt gegen jegliche Form der Fremdbestimmung. Schon das Erahnen einer an ihn gerichteten Erwartung ließ ihn verweigern. Seine Entwicklungsrückstände hielten sich in Grenzen, sein Verhalten machte jedoch ratlos. Regeln galten für ihn nicht und die Reaktionen seiner sozialen Umwelt schienen ihn nicht im geringsten zu interessieren. Es war schon von Autismus die Rede, und in diesem Zusammenhang hörte Felix Mutter von der Delphintherapie und alternativ von schwimmenden Bernhardinern.

Damit konnte ich nicht dienen, aber mit einem Hund an Land, und so entschlossen wir uns, Penny um Unterstützung zu bitten.

 

 

 

 

Penny hatte sofort Felix Aufmerksamkeit – und damit auch ich, denn er brauchte meine Hilfe, zunächst einmal, um mit ihr in Kontakt zu treten. Das Zusammensein und Spiel mit ihr führten sehr schnell dazu, sich auf Kommunikation und Kooperation  einzulassen.

Wenn ich mich an Felix erinnere, dann auch immer an eine Szene, in der er wollte, dass Penny zu ihm in eine kleine Holzhütte kam. Ich gab ihm einen Tipp, er hielt ihr die Tür auf und sagte: „Kommen Sie bitte rein.“ Niemand hatte vorher gewusst, dass er sich schon so gut ausdrücken konnte. Mich beeindruckte aber am meisten, sein Gehör zu finden und sein großes Bemühen, freundlich, ja  höflich zu Penny zu sein, um sie für sich zu gewinnen.

Der Kontakt mit Penny stellte tatsächlich einen Durchbruch in Felix Entwicklung dar. Er übertrug seine guten Interaktionserfahrungen mit uns relativ schnell auf andere Menschen und war in der Lage, eingefahrene Verhaltensmuster aufzugeben.

Meist setzte sich Penny allerdings außerhalb der direkten Frühförderarbeit für die „Firma“ ein:

Wie später auch Dorma leistete sie wertvolle Dienste als Spiegel, Stimmungsbarometer und Trösterin in Supervision und Teambesprechungen und als Ruhepol im hektischen Büroalltag. Nicht selten sah ich eine Kollegin bei einem aufwühlenden Telefonat mit der einen Hand am Telefon und der anderen in Pennys warmen Fell.

Sie brachte haltlose Kinder dazu, sie zu halten.

Unvergessen bleibt mir ein kleiner wilder Kerl aus dem Heilpädagogischen Kindergarten, der es größenmäßig gerade schaffte, seinen Arm um die Hundeschulter zu legen und Penny auf diese Art ganz sanft zu mir führte – mit den Worten: „Ich bring dich deinen Köter zurück.“

Behinderte Mitarbeiter, die in der Nähe der Frühförderstelle arbeiteten oder wohnten, sprachen mit ihr obwohl sie sonst eher verstummten, andere konnten sich durch sie an mich erinnern.

Ja, und sie zeigte unermüdlich allen, die an ihr interessiert waren, was für liebenswerte Menschen sie sind.

Ohne Anspruch darauf, ein Therapiehund zu sein, tat sie einfach das, was ein guter Hund eben tut – wenn man ihn lässt.

Da sich zu dieser Zeit außer meinem eigenen Sohn noch viele andere Kinder in unserem  Leben tummelten, hatte ich immer wieder Gelegenheit, Kind-Hund-Aktionen zu beobachten, aufzugreifen und das eine oder andere auszuprobieren.

So war ich später gut gerüstet für die  Ausbildung auf Wikkegaard, wo Dorma und ich in der traurigen Zeit nach Pennys Tod zusammenfanden.

Dorma wurde 2010 der erste anerkannte Therapiehund in der Frühförderstelle Helmstedt, und ich arbeitete 5 Jahre lang dort mit ihr.

                                          

 

6 Jahre später und fast 37 Jahre nach unserem „Erstkontakt“ bekamen Uscha und ich nun die Chance, in der Frühförderstelle Wolfenbüttel unsere Frühförderzeit mit einer tiergestützten Spielgruppe gemeinsam abzurunden.

Für mich war es ein Jahr nach meinem Arbeitsende in Helmstedt und nachdem ich noch unsere Nachfolger, nämlich Karin mit ihrer Hündin Lotte und später auch Wikkegaards Filou mit ausbilden durfte. Uscha hatte noch ein halbes Arbeitsjahr vor sich.

Alle, die unsere Geschichte kannten, freuten sich mit uns!

„Inklusion von Kleinauf“ nannten wir unser Projekt.

Ich werde bald an dieser Stelle davon berichten.