Inklusion von Kleinauf oder „Dorma kuschelt mich“

DOGS INCLUSIVE Teil 2

„Inklusion von Kleinauf“ nannten wir die tiergestützte Spielgruppe für Kinder mit und ohne Förderbedarf.  Sie sollte Uschas , Dormas und meine gemeinsame Frühförderarbeit  bei der Lebenshilfe Helmstedt -Wolfenbüttel beenden.

Ein schöner Titel, der nun mit Konzept und Inhalt gefüllt werden musste.

Die Frage, was ein Hund mit Inklusion zu tun hat, war leicht zu beantworten.

Im Grunde verkörpern Hunde ja die Haltung, die wir brauchen, um Inklusion erfolgreich zu praktizieren. Ihr Verhalten ist gekennzeichnet durch Achtung, Wärme Empathie und Echtheit. Ich spreche nicht gerne von Bedingungslosigkeit, wie oft zu lesen ist, denn das verleitet zu der Annahme, es sei ohne Bedeutung, wie man einen Hund behandelt und er hätte gar keine Erwartungen an uns Menschen.

Treffender und weiterführender finde ich, was Erhard Olbrich einmal gesagt hat, nämlich dass Tiere unsere „… zivilisatorischen Normungen nicht kennen…“  Mit Normen haben wir es in der Pädagogik und besonders Heilpädagogik ständig zu tun. Auch wenn wir heute andere Begriffe verwenden und größere individuelle Spielräume haben, ist es immer noch unser Auftrag, Kindern zu einer möglichst „normalen“ Entwicklung zu verhelfen.

Diese „Normalität“ interessiert Hunde nun wirklich überhaupt nicht.

Es ist ihnen völlig egal, ob ihnen ein Zweijähriger gehend oder krabbelnd entgegenkommt oder sich gar nicht vorwärts bewegen kann, ob er schon alleine essen oder einen Turm bauen kann. Hunde bringen etwas mit, das wir Menschen nicht leisten können, nämlich sich ohne Erwartung dessen, was ein Kind als nächstes lernen soll, auf das einzulassen, was jetzt gerade passiert.

In Bezug auf die Sprachentwicklung wird dies besonders deutlich. Nicht selten stockt sie, wenn der Fokus aller Beteiligten darauf liegt, wann das Kind nun endlich an zu sprechen fängt. Auch uns „Profis“ fällt es schwer, uns davon frei zu machen. Hunde kümmert es nicht, ob und wie gut ein Kind sprechen kann, und treten ihm daduch ganz anders gegenüber. Körpersprache und Zeichen verstehen sie ohnehin besser als Worte, und im Spüren von Unausgesprochenem sind sie Meister. Auf dieser analogen Ebene können alle miteinander kommunizieren. Der Entwicklungsstand wird hier nebensächlich. Es scheint sogar so zu sein, dass Kinder auf den unteren Entwicklungsstufen mit ihrer großen Nähe zu Natur und Tieren eine ganz eigene Art der Verständigung haben.

Um Kommunikation sollte es auch in unserer Gruppe gehen, um schöne Begegnungen, mit gegenseitigem Verstehen, um gemeinsames Erleben, Tun und Spielen.

Wie wir alle wissen, ist Förderung dann inclusive!

Dieser Plan ging auf.

Dorma mit ihrer Neugier und ihrem Interesse an jedem Einzelnen und allem, was geschah, aber auch mit dem Einbringen ihrer eigenen Bedürfnisse, hatte einen großen Anteil daran.

Die Motivation war so groß, dass auch für unsichere Kinder die Tür zu Mama und Papa nicht lange offen gelassen werden musste.

Dormas Wasserversorgung wurde zur Ehrensache und auch die Kleinsten entwickelten Strategien, um an den Wasserhahn zu gelangen und alles selbständig zu erledigen.

Rituale zum Anfang und Ende der Stunde waren wichtig und ein kleiner Imbiss zwischendurch erwies sich als günstig für eine Turbulenzpause.

Wir spielten hauptsächlich mit kostenlosen Materialien, die sowohl kind- als auch hundegerecht waren, auch kaputtgehen durften oder sogar sollten. Viel länger als geplant beschäftigten sich die Kinder zum Beispiel mit großen Mengen von weißem Papier, das zunächst zu Schneeflocken wurde. Es gab Schneegestöber, Schneeberge und am Ende jeder Stunde intensive Räummaßnahmen, wobei die Kleinsten gerne mit den größten Besen hantierten und Dorma eifrig Schneekugeln in ihrer Schnauze abtransportierte – einige auch für den Eigenbedarf.

Später wurden die Papierschnipsel bunt angemalt und wir spielten das „Einfaches-Farben-Zuordnen-Spiel“ (Siehe Ideenkiste Teil 2) in abgewandelter und angepasster Form.

Anpassung hieß in diesem Fall Vereinfachung und eine viel stärkere Strukturierung und Regelung als sonst bei mir üblich ist, was durchaus eine kleine methodische Herausforderung für mich darstellte.

Aber auch der mir sehr naheliegende psychomotorische Ansatz mit Angeboten und kleinen Aufgaben, die jeder nach seinen Möglichkeiten bewältigen konnte, erwies sich in dieser inhomogenen Gruppe als günstig. Im Parcours zum Beispiel, wo es drüber, drunter und durch Hindernisse ging – alleine oder zu zweit, vor  oder hinter Dorma her, mit ihr gemeinsam oder sogar durch eine Leine verbunden. Sehr interessant und schön war zu beobachten, wie einfühlsam manche Kinder Dorma führten, während andere wiederum von Dormas emphatischer Begleitung überwältigt oder auch verunsichert wurden und dringend einen Dolmetscher brauchten.

Fünf bewegungshungrige  Zwei- und Vierbeiner brauchten für  so einen Zimmerparcours viel Platz. Da reichte unser Gruppenraum nicht aus und wir „beschlagnahmten“ noch den gesamten Eingangsbereich und Flur der Frühförderstelle – mit Erlaubnis natürlich.

Nicht nur dafür möchte ich mich an dieser Stelle einmal ausdrücklich bei der Leitung und dem Team der Frühförderstelle Wolfenbüttel bedanken, auch für das herzliche Willkommen, für die Wertschätzung und Unterstützung in jeglicher Hinsicht, die es mir leicht machte, mich unbeschwert auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Jeder, der tiergestützt arbeitet, weiß, dass der Erfolg mit den Arbeitsbedingungen steht und fällt. Wenn man das Gefühl hat, ständig kritisch beäugt zu werden und den Wert seiner Arbeit beweisen zu müssen, gar noch darauf bedacht ist, möglicherweise kritikauslösendes (Hunde)Verhalten zu vermeiden, kann es nicht gut laufen.

Druck und Anspannung sind schon in der pädagogischen Arbeit ohne Tiere hinderlich. Habe ich einen Hund an meiner Seite, so reagiert er auf meine Verfassung und wir können unser Potential nicht mehr annähernd ausschöpfen.

Darum nicht nur pro forma, sondern ein ganz echtes Dankeschön von Dorma und mir, auch für Eure Freundlichkeit und Fürsorge!

Meine „Anforderung“ Uschas fällt auch unter diese Rubrik. Es war mir sehr wichtig und wurde irgendwie möglich gemacht.

Ich brauchte sie wirklich, denn nur so konnte ich Interaktionen und Dialoge zwischen Dorma und ein oder zwei Kindern  begleiten, während Uscha sich um die anderen kümmerte. Es geschah viel, was in Sprache gebracht oder einfach nur ausreichend beachtet werden musste, um seine Bedeutsamkeit zu würdigen und zu verankern.

Fragen, auch unausgesprochene mussten erfasst und beantwortet werden.

Warum hatte Dorma  zum Beispiel Milas Vater angebellt als er gerade hereinkam?

Das konnten die Kinder sofort mit Uscha in aller Ruhe besprechen, während ich noch dem Letzten assistierte,  mit Dorma den Parcours zu beenden.

Aufschieben war keine gute Möglichkeit in dieser Gruppenkonstellation und hätte hier meist  Aufheben bedeutet.

Dorma lässt sich auch gerne von 2 Kindern streicheln, wenn es so einfühlsam geschieht!

Ausgiebig gekuschelt wurde natürlich auch. Dorma liebt große körperliche Nähe, und wenn sie eine untätige Hand entdeckt, fragt sie gerne mal an, ob vielleicht ein wenig Berührung angenehm wäre.

 

 

 

Beim Bilderbuch betrachten half Dormas Nähe so manchem, etwas länger zuhören und zuschauen zu können oder sich überhaupt auf ein Buch einzulassen.

Manchmal auch so herum.

 

Je jünger die Kinder sind, desto mehr Augenmerk muss man auf die kleinen Momente, die bei genauer Betrachtung oder in der Summe dann oft etwas ganz Großartiges darstellen, legen.

So betrachtet, passierte bei unserem Abschlussritual meist ganz viel:

Am Ende der Stunde setzten wir uns immer auf unserem Decken-Kissen-Lager zusammen und sangen ein Abschiedslied, an dessen Ende wir vor einem langen Tschüüüüß unsere Hände übereinanderstapelten. Dorma legte ihre Pfote auch gerne dazu, aber nicht immer an die richtige Stelle und vor allem konnte sie es kaum abwarten, bis wir fertig waren mit dem Singen. Die Kinder sahen großzügig darüber hinweg und versuchten auch, ihr das Warten zu erleichtern. Ich denke , sie konnten sich hier sehr gut mit Dorma identifizieren, denn das Warten fiel allen schwer, und etwas falsch zu machen, kannten sie von sich selbst nur zu gut.

Durch unseren Umgang mit der Szene hatten wir die Möglichkeit, den Kindern ganz nebenbei wichtige Botschaften zu senden:

„Es ist nicht schlimm, wenn du etwas falsch machst oder nicht kannst.“

„Wir helfen dir, dass du es hinkriegst, und liebenswert bist du sowieso.“

(sehr verkürzt gesagt!)

Ich habe solche Situationen schon oft in der pädagogischen Arbeit mit meinem „nicht perfekten“ Hund erlebt und ihren Wert schätzen gelernt.

Einmal hatte Dorma sich so verausgabt, dass sie sich mitten im Raum auf die Seite fallen ließ und nicht zu uns kam. Ich sagte den Kinder, dass Dorma heute zu müde sei und wir sie am besten in Ruhe lassen sollten. Daraufhin ging ein Kind nach dem anderen ganz vorsichtig hin, nachzuschauen, ob sie schläft – und jeder bekam „mit Augen zu“ ein freundliches zweifaches Schwanz-auf-den-Boden-Klopfen.

Uscha und ich haben es nur ganz sparsam kommentiert, um die Intensität dieses Moments nicht zu stören. Hier erlebten wir das, was wir sonst gerne als Ziel formulieren, einen respektvollen, achtsamen Umgang auf gleicher Ebene.

Und es kam noch besser!

Mit dem Tschüüß kam Dorma nämlich doch noch zu uns. Da waren regelrechte Jubelrufe zu hören: „Sie steht auf!“ „Sie Kommt!“ „Sie kommt alleine!“

Die Kinder spürten, dass sie Dorma wichtig waren, dass sie sich irgendwie doch noch verabschieden wollte, und zwar aus eigenem Antrieb!

Was wäre ihnen alles genommen worden, wenn ich dafür gesorgt hätte, dass Dorma wie immer am Abschiedritual teilnimmt!

Die Eltern bemerkten nach dieser Stunde einen besonders glücklichen Ausdruck im Gesicht ihrer Kinder.

Wir hatten eine Kamera mitlaufen lassen, und erst beim Ansehen des Films nahm ich noch einen freudigen  Ausruf wahr: „Dorma kuschelt mich!“

Das hat mich sehr berührt und gefreut. Liegt doch in dieser kindlichen Ausdrucksweise so viel, was mir in der Tiergestützten Arbeit wichtig ist!

Nicht wir benutzen, überreden, trainieren den Hund, sich streicheln zu lassen, sondern überlassen es seiner Entscheidung und bekommen dafür das beglückende Geschenk von echter Zuneigung und artübergreifender Verständigung.

Für die Zukunft wünsche ich mir, das viele Hunde uns auf ihre ganz eigene Art bei der Arbeit helfen dürfen.

Ich bin froh, auf Wikkegaard meinen Anteil dazu beitragen zu können.

Unser Kurs 3